Europa – nur ein Kontinent oder eine gesellschaftliche Vision?

Von: Stefan Andromis Herbert
Datum: 18.08.2015 (überarbeitet im August 2019)


Nach dem Zweiten Weltkrieg taten sich die Völker Europas wirtschaftlich und politisch mit dem Ziel zusammen, weitere Kriege auf diesem Kontinent zu verhindern. So wurde im Mai 1949 der Europarat gegründet, und 1951 entstand die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, auch Montanunion genannt. Diese führte zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG, die zur EG (Europäische Gemeinschaft) wurde, und nun leben wir in der EU (Europäische Union).

Bis heute ist die Europäische Staatengemeinschaft auf 28 Mitglieder angewachsen, Großbritannien ist allerdings dabei auszutreten. Neben der anfänglich reinen Wirtschaftsunion ist ein zollfreier Raum (Schengenraum) entstanden, und seit Januar 2002 gibt es die Gemeinschaftswährung Euro als Bargeld. Auch auf der politischen Ebene werden immer mehr Entscheidungen zentral in Brüssel getroffen.

Damit wurde in den vergangenen Jahrzehnten sicherlich vieles vollbracht, was unser Leben innerhalb der Gemeinschaft friedlicher und lebenswerter gemacht hat. Doch zeigen sich auch gravierende Schattenseiten. Es gibt eine starke Unzufriedenheit mit der Zentralisierung der Politik in Brüssel und dem von dort ausgehenden Einfluss auf unser Leben. Es wurde viel Geld für Bankenrettungen ausgegeben, gegen Armut und Hunger wurde dagegen weniger getan. Auch in der Flüchtlingskrise vermag die EU bis heute keinen menschenwürdigen Kurs zu finden, um damit das Sterben im Mittelmeer zu verhindern. Da ist es sicherlich verständlich, wenn eine immer größere Europa-Verdrossenheit entsteht.

In diesem Beitrag möchte ich zuerst ansprechen, woher das Wort Europa kommt und dann aufzeigen, wie sich dieser Kontinent im Laufe der Geschichte entwickelt hat. Dadurch lässt sich für mich erkennen, was Europa ausmacht, was der „Geist von Europa“ ist, der für mich nicht in einer immer stärker werdenden Wirtschaftsmacht zu finden ist. Zum Schluss will ich zeigen, wie sich die Staatengemeinschaft weiterentwickeln kann zur Verwirklichung einer Vision für ein Neues Europa in der Neuen Zeit.

Was ist Europa?
Beginnen möchte ich mit dem Ursprung des Wortes Europa. Das Wort stammt aus dem semitischen Sprachraum des Nahen Ostens und bedeutet so viel wie „untergehen“ (erebu). Gemeint ist hier nicht der Untergang Europas als Kontinent oder Staatengemeinschaft, sondern die Himmelsrichtung der untergehenden Sonne, womit dem Wort die gleiche Bedeutung zukommt wie dem Begriff „Abendland“. Daneben gibt es den Ausdruck „asu“ für „aufgehen“.

Dies ist die Wurzel unseres Wortes für Asien und beschreibt das Morgenland, also jene Gegend, in welcher die Sonne aufgeht. Diese beiden Bezeichnungen wurden später von den antiken Griechen übernommen und so bezeichnete Herodot, ein Geschichtsschreiber aus dem 5. Jahrhundert v. Chr., die Länder nördlich des Mittelmeeres und des Schwarzen Meeres mit dem Namen Europa, jene östlich des Mittelmeeres als Asien und südlich des Mittelmeeres, also dem heutigen Afrika, mit dem Namen Libyen.

Europa ist auch eine Gestalt in der griechischen Mythologie. Sie war eine Tochter des phönizischen Königs Agenor, in die sich der Göttervater Zeus verliebte. Um sie zu verführen, verwandelte er sich in einen weißen Stier und näherte sich so der schönen jungen Frau, die gerade am heimatlichen Strand spielte. Europa gefiel der Stier, und als sie sich auf seinen Rücken setzte, sprang er mit ihr ins Wasser und schwamm nach Kreta. Dort verwandelte sich Zeus zurück in seine wahre Gestalt. Er verführte sie, und aus dieser Verbindung sind drei Kinder entstanden.

Der Sage nach fand diese Entführung an einem Strand in der Nähe von Sidon statt, im heutigen Libanon. Die Phönizier waren ein semitisches Volk von Seefahrern und Händlern, die zwischen 1200 und 600 v. Chr. in diesem Gebiet lebten und die Mittelmeerküsten bis nach Gibraltar befuhren. Sowohl der Mythologie wie auch dem Wort nach, liegt der Ursprung Europas somit im Nahen Osten, also in Asien. Damit stammt der Ausdruck aus einer Region, die in der Menschheitsgeschichte bis heute hoch umkämpft ist und die den heutigen europäischen Politikern immer noch sehr viel bedeutet

In der Mythologie wird die Königstochter Europa aus dem Gebiet des Nahen Ostens in den Westen gebracht. Dies erinnert mich daran, dass auch viele unserer kulturellen Errungenschaften aus diesem Osten oder dem Orient stammen. Der Okzident und Orient, das Abend- und Morgenland, sind geschichtlich und wirtschaftlich stark miteinander verflochten. Ein Großteil unserer europäischen Kultur, auf die wir so stolz sind, hätte es nie gegeben, wenn die Griechen, die Römer und die mittelalterlichen Völker Europas nicht wertvolle Errungenschaften Vorderasiens übernommen hätten.

Dazu einige Beispiele: Die Wissenschaften der Astronomie und Astrologie kamen aus Ägypten und Mesopotamien. Unser Dezimalsystem stammt ursprünglich aus Indien und kam über Babylon in den Westen. Unsere Zeiteinteilung in 24 Stunden pro Tag und 7 Tage die Woche stammt aus Ägypten und Babylon. Im islamischen Orient wurden die ersten Krankenhäuser gebaut und die Heilmittel entdeckt. Dies wird eindrucksvoll in dem Roman „Der Medicus“ vom US-amerikanischen Schriftsteller Noah Gordon beschrieben.

Im Orient gab es auch wichtige Entdeckungen in der Architektur und der Optik, wie die Erfindung der Lupe. Die Gitarre ist über die Mauren in Spanien zu uns gekommen, und im maurischen Cordoba gab es die erste Straßenbeleuchtung. Auch der Kaffee, den wir hier im Westen so sehr lieben, kam aus dem Orient zu uns.

Dies sind alles Dinge, die aus unserem heutigen „europäischen Leben“ nicht mehr wegzudenken sind, trotzdem aus dem Nahen Osten oder aus Ägypten stammen. Genauso ist es mit den Wurzeln unserer christlichen Religion. In dem heiligen Buch der Bibel besteht der weitaus größte Textteil aus dem Alten Testament, in dem die Entstehung der Welt und die Historie des Volkes der Hebräer beschrieben werden. Abraham, der ja nicht nur der Stammvater der Juden und der Christen ist, sondern auch der Moslems, kam aus dem sumerischen Ur in das damalige Land Kanaan, das dem heutigen Gebiet des Libanons, Israels und Palästinas entspricht.

Jesus von Nazareth war jüdischer Herkunft und stammt auch von dort. Nach seinem Tod verbreitete sich seine christliche Botschaft der Nächstenliebe im ganzen Mittelmeerraum und wurde in Rom unter Kaiser Konstantin zur Staatsreligion. In dieser Zeit wurde das Datum für Ostern festgelegt. Wir feiern es seitdem am ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond im Frühling, angelehnt an das jüdische Passahfest, welches auch am ersten Frühlingsvollmond gefeiert wird. In unserem heutigen Europa haben wir deshalb tiefe Verbindungen zu dieser Region und ihren Bewohnern. Vielleicht ist es uns deshalb so wichtig, was dort politisch geschieht.

Demokratie, Humanismus und Freiheit sind dagegen reine europäische Vorstellungen. Die Demokratie, also die Herrschaft des Volkes, stammt bekanntlich aus dem antiken Griechenland. In ihr hat das Volk die Möglichkeit, durch Äußern der eigenen Meinung und durch Wahlen an der politischen Entscheidungsfindung teilzuhaben. Allerdings durften in der Antike an der politischen Willensbildung nur freie Männer mitwirken, Sklaven und Frauen waren ausgeschlossen.

Wirkliche Demokratie besteht aber nur dort, wo die Menschenrechte bedingungslos geachtet werden und wo jeder Mensch ein Recht auf freie Meinungsäußerung hat. Damit ist gewährleistet, dass jeder sein Wahlrecht unabhängig von Herrschaftsstrukturen oder Familienverhältnissen ausüben kann. Das Wahlrecht für die Frauen ist deshalb ein großer Schritt hin zur Verwirklichung der Menschenrechte gewesen. Bis heute betonen unsere Politiker, wie viel ihnen die Freiheit des einzelnen Menschen bedeutet und mit ihr das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben.

Auch der Humanismus ist eine geistige Strömung mit Wurzeln in der Antike. Er stammt von dem römischen Ausdruck „humanitas“ und bedeutet „Menschlichkeit“. Er wurde verwendet für die Verhaltensweise eines Menschen, die sich durch Milde und Mitgefühl auszeichnete und grenzte die menschliche Natur damit deutlich von animalischem und tierischem Verhalten ab. Mit dem römischen Politiker, Schriftsteller und Philosophen Cicero kam noch die Bildung als wichtige Eigenschaft des Humanismus hinzu. Heute wird Bildung immer noch als ein wesentliches Element gesehen, ohne das Freiheit und Demokratie nicht möglich sind.

In der Zeit des Mittelalters bis zum 15. Jahrhundert wurde das Leben in Europa sehr stark von der römischen Kirche beherrscht. Mit der Inquisition versuchte sie, ihre Macht zu festigen. Doch es gab Gegenbewegungen, angefangen mit der Renaissance ab dem 15. Jahrhundert, in der sich Philosophen und Dichter wieder stärker auf den Humanismus und Liberalismus der Antike bezogen. Theologen, Philosophen und Wissenschaftler, wie Jan Hus, Martin Luther, Giordano Bruno und Galileo Galilei, wagten, über die Begrenzungen der kirchlichen Lehre hinaus zu denken und halfen so, die bis dahin uneingeschränkte Macht der römischen Kirche in Europa immer mehr zu brechen.

Dies wurde begünstigt durch die Entstehung der freien Städte, in denen die Bürger durch den aufkommenden Handel immer wohlhabender und damit selbstständiger wurden. Im 17. Jahrhundert führte diese Entwicklung in die Zeit der Aufklärung, welche durch Vernunft und rationales Denken das dunkle Mittelalter zu überwinden versuchte. Mit der Aufklärung wurde Gott quasi als tot erklärt, und der vernunftbegabte und wissenschaftlich forschende Mensch erkennt seitdem nur jenes an, was er messen, wiegen oder zählen kann. Dies führte seit dem 18. Jahrhundert zu einem gewaltigen technologischen Fortschritt, welcher bis heute als eine der großen Errungenschaften Europas angesehen wird.

Die gesellschaftliche Entwicklung der Völker
Es gab in unserer über 5000 Jahre dauernden Geschichte immer einzelne Völker, welche die Entwicklung der Menschheit voranbrachten. Nach der wissenschaftlich anerkannten Geschichtsschreibung fing es mit den Sumerern und Ägyptern an, danach kamen die Assyrer und Babylonier. Auch der Übergang zum Monotheismus vor etwa 3000 Jahren hat die Menschheit weitergebracht. Die Errungenschaften dieser Region wurden dann von den Griechen und Römern übernommen und weiterentwickelt.

Nachdem das Römische Reich im Westen untergegangen war, fand der Fortschritt mehr im Osten statt, und die europäischen Völker des Mittelalters übernahmen über die Mauren in Spanien viele Errungenschaften aus dem Orient. Ab dem 15. Jahrhundert besannen sich die europäischen Völker in der Renaissance wieder mehr auf ihre griechisch-römischen Wurzeln, und mit der Zeit der Kolonialisierung verbreiteten sie ihr Wissen und ihre Kultur in der ganzen Welt. Seitdem führten sie aus meiner Sicht die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung der Menschheit bis zum Zweiten Weltkrieg an.

Ab dieser Zeit übernahmen die USA die Führung der Völker der Erde auf politischer, technologischer und kultureller Ebene. Darum hatte es schon einen Grund, dass sie die Rolle einer Weltpolizei übernahmen. Seit dem Jahre 2001 können sie aus meiner Sicht dieser Führungsrolle nicht mehr gerecht werden, da sie in ihrer Politik mehr versuchen zu polarisieren als zu einen. Die Europäer sollten sie wieder aufnehmen und dadurch auch die freiheitlich demokratischen Prinzipien hochhalten. Sie haben für mich das Potential dazu, eine moderne, menschenwürdige und freie Grundordnung zu schaffen. Doch bis Europa diese Rolle zu übernehmen vermag, müsste es seine eigenen aktuellen Herausforderungen bestehen, auf die ich weiter unten näher eingehe.

So wie sich ein Mensch vom Kind über den Jugendlichen zum Erwachsenen entwickelt, so entwickelt sich aus meiner Sicht auch die Menschheit. Entwicklung bedeutet, sich seiner selbst bewusster zu werden, in dem man lernt, sich und seine Welt zu erkennen und zu verstehen. Ursprünglich bestand das Weltverständnis der Menschen aus mythischen und religiösen Anschauungen. Dann entstand in der Antike, quasi als Gegenpol, eine die Welt erforschende Wissenschaft. Diese beiden Sichtweisen waren damals allerdings nicht grundsätzlich getrennt voneinander, was sich bei der Astrologie und der Astronomie gut zeigen lässt.

Bis ins späte Mittelalter waren diese beiden Wissensbereiche miteinander verbunden, und große Astronomen waren gleichzeitig Astrologen. Mitte des 16. Jahrhunderts trennten sie sich. Die Astronomie ging über zum heliozentrischen Weltbild, in welchem die Sonne im Mittelpunkt steht. Die Astrologie behielt dagegen das geozentrische Weltbild bei, mit der Erde im Mittelpunkt des Geschehens. Dies darf allerdings nicht als ein Rückschritt bewertet werden. Es hat seinen Sinn, damit der Mensch im Horoskop weiterhin im Mittelpunkt steht.

In dieser Zeit entstand ein Spannungsfeld zwischen der wissenschaftlichen und der mythisch-religiösen Weltsicht, welches mit der Aufklärung und dem Fortschreiten des technologischen Fortschritts immer stärker wurde und bis heute andauert. Im Nahen Osten gab es dagegen keine gesellschaftliche Entwicklung, wie im Europa der Renaissance, hin zu freiheitlichen und menschlichen Werten und einer Zeit der Aufklärung mit der Trennung zwischen Kirche und Staat. Das dortige Leben wird seit dem Entstehen des Islam durch dessen religiöse Sichtweisen und Glaubenssätze bestimmt.

In der westlichen Welt hat sich der Mensch zu einem individuellen Wesen entwickelt, mit allen seinen Vor- und Nachteilen. Die Menschen in der islamisch geprägten Gesellschaft machten diese Entwicklung nicht mit. Sie definieren Freiheit deshalb bis heute nicht als das Recht auf Selbstbestimmung eines Individuums, sondern als ein Handeln innerhalb des Rahmens, der durch Gott vorgegeben wird.

Ein Denken über diesen religiösen Rahmen hinaus, ist bis heute in vielen islamischen Gesellschaften Gotteslästerung, was unter anderem zu dem Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ geführt hat. Die seit der Aufklärung immer stärker gewordene Auseinanderentwicklung der beiden großen Kulturkreise ist für mich der wahre Hintergrund für die Attentate des 11. September 2001. Die arabische Welt fühlte sich bewusst immer mehr in einem Spannungsverhältnis zur westlichen Welt. Sie konnte diesen inneren Konflikt aber nicht von selbst lösen, weshalb es zu den Anschlägen auf das World Trade Center in New York City kam.

Damit möchte ich die Anschläge nicht gutheißen, sondern nur gesamtgesellschaftlich versuchen, zu verstehen, wie es dazu gekommen ist. So wie jeder einzelne Mensch zwar für seine Taten verurteilt werden sollte, aber nicht als der Mensch, der er ist, so sehe ich dies auch auf kollektiver gesellschaftlicher Ebene. Die Attentate vermag ich deshalb zu verurteilen, aber nicht die Täter, die arabische Welt als Kollektiv oder die islamische Religionsgemeinschaft.

Verursacht wurde diese Entwicklung durch den Versuch der Europäer, ihre auf das freiheitliche Denken basierende Form der Demokratie zu den arabischen und afrikanischen Völkern zu tragen. Weil es dort humanistische und freiheitliche Strömungen in unserem Sinne nie gegeben hatte, mussten all diese Versuche scheitern. Seitdem gab es hier in Deutschland immerhin die Entwicklung, Moslems mehr in unsere westliche Gesellschaft zu integrieren.

Die in diesem Zusammenhang gestellte Frage, ob der Islam überhaupt zu Deutschland gehört, ist aber wiederum nur die eine Seite der Medaille, denn eine Integration des Islam in unsere westliche freiheitlich demokratische Kultur kann aus meiner Sicht nur durch einen Konsens geschehen im Sinne eines gegenseitigen Verständnisses füreinander. Dafür müssen sich beide Kulturen aufeinander zubewegen. Dies funktioniert nicht, wenn allein die westliche Welt den Islam akzeptiert und anerkennt, die Menschen in der arabischen Welt aber weiterhin die freiheitliche und humanistische Gedankenwelt des Westens ablehnen.

Jene Moslems, die hierzu nicht bereit waren, sammelten sich unter anderem in der Bewegung des Islamischen Staats. Sie hatten aus meiner Sicht Angst, vom Westen und seinen freiheitlichen Grundsätzen überrannt zu werden und grenzten sich dagegen klar ab. Auf der anderen Seite haben Menschen in Europa die Angst, durch eine Islamisierung der westlichen Gesellschaft ihr freies und selbstbestimmtes Leben zu verlieren. Deshalb fanden sie sich zu Bewegungen, wie Pegida, zusammen, und die Popularität für rechte Strömungen nahm zu. Auch dies vermag ich nicht zu verurteilen, sondern sehe darin nur das Bedürfnis, die eigenen Werte und Lebensweisen zu schützen.

Wirkungsvolle Lösungen kann für mich nur eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung bringen, welche die Wutbürger dort abholt, wo sie emotional stehen. Die Überwindung dieses gesellschaftlichen Dilemmas der so grundsätzlich unterschiedlichen Kulturen und Lebensanschauungen des Ostens und des Westens ist für mich entscheidend für die Zukunft der Menschheit. Durch die Flüchtlingswellen aus Afrika und dem Nahen Osten hin nach Europa, eskalierte dieses Thema zwar, birgt in sich aber auch gleichzeitig das Potential für die Lösung.

Aus meiner Sicht liegt der Sinn dieser Krise gerade in der Auseinandersetzung zwischen der mythisch-religiösen Weltsicht, vertreten durch den Islam, mit dem wissenschaftlichen und vernunftorientieren Denken des Westens. Vermag die europäische Gesellschaft diese scheinbaren Gegensätze miteinander zu vereinen, so könnte sie die religiösen Anschauungen des Islam in die humanistische und freiheitliche Sichtweise Europas integrieren und damit eine gesellschaftliche und kulturelle Einheit im Neuen Bewusstsein schaffen.

Diese Entwicklung begann schon im 19. Jahrhundert, als einige erkannten, dass sich die Welt mit der naturwissenschaftlichen Sichtweise alleine nicht vollständig beschreiben lässt. Auf ihrer Suche fanden Alice Baily, Rudolf Steiner und andere Zeitgenossen ihre Antworten in den fernöstlichen Religionen und Weltanschauungen. Diese brachten sie nach Europa und förderten damit bereits eine Umkehrung der hiesigen verstandesorientierten, rein auf Wissenschaft und Technologien begründeten Weltsicht.

Im Gegensatz zu den durch Dogmen geprägten Glaubensvorstellungen der christlichen Kirchen, ging diese Bewegung hin zu einer universalen Spiritualität, in der jeder Mensch zu seinem individuellen Glauben finden und diesen frei ausüben kann, solange er nicht die Freiheit eines Andersgläubigen und -denkenden verletzt. Das sind für mich die Vorstellungen eines erwachsen gewordenen Menschen, der keine Religion mehr als Stütze benötigt, sondern sich seiner eigenen Göttlichkeit bewusst ist.

Der Entwicklungsweg bis hierhin verlief über Ägypten, Babylon, die griechisch-römische Antike, Jesus von Nazareth, den Orient, die humanistische Renaissance, die Aufklärung und die Integration von östlichen Lehren, wie der jüdischen Mystik (Kabbala), dem Hinduismus oder dem Buddhismus. In den letzten Jahrzehnten haben viele Europäer die übrigen Kontinente und Regionen der Erde bereist und dort die Kulturen der Indigenen Amerikas, Australiens, Zentralafrikas und Ozeaniens kennengelernt. Auch sie gehören zu der kulturellen Vielfalt dieses Planeten.

Die europäische Vision
Doch ist da noch eine andere Entwicklung in Europa, welche das Leben auf der ganzen Welt bedeutsam beeinflusst hat. Es ist der Kapitalismus. Durch die technologische Entwicklung gerade am Anfang des 20. Jahrhunderts glaubten viele, die Welt allein durch materiellen Wohlstand besser machen zu können. Als Hilfsmittel wurde das Geld immer wichtiger und beherrscht heute unser ganzes Leben. Die Entscheidungen unserer Politiker basieren deshalb leider oft nicht auf menschlicher Vernunft oder auf humanistischen Idealen, sondern auf wirtschaftlichen und finanzpolitischen Zielen.

Anstelle der Freiheit trat die Abhängigkeit vom Geldsystem, weshalb der Mensch seine individuelle Freiheit nur noch im Rahmen dieses ihn beherrschenden Wirtschaftssystems ausleben kann. Allgegenwärtig ist in diesem System die Werbung, welche uns einreden will, dass wir ihre Produkte unbedingt kaufen müssen. Die Gesellschaft erwartet von ihren Bürgern zudem, dass sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Dadurch ist die Arbeit degradiert zu einer Erwerbstätigkeit für die Beschaffung unseres eigenen Lebensunterhalts und dient nicht der individuellen Lebensentfaltung oder -entwicklung.

Aus diesem Grunde sehen unsere Politiker Europa auch eher als einen Wirtschaftsraum mit einer gemeinsamen Währung und nicht als einen Lebensraum, in dem sich Menschen frei entfalten und ein selbstbestimmtes Leben führen können. Dadurch stagniert aber die gesellschaftliche Entwicklung, was uns die Finanzkrisen der letzten Jahre verdeutlichen. Dazu machen uns die Flüchtlingsströme aus Afrika und dem Nahen Osten bewusst, dass sich das politische Europa immer mehr abgeschottet hat. Es ist zwar traurig und auch etwas sarkastisch, doch die einzigen politischen Bewegungen in der Welt, scheinen die Geld- und Flüchtlingsströme zu sein.

Aber auch hier sind die Ursachen unter anderem in der früheren kolonialen und imperialen Politik Europas ab dem 16. Jahrhundert zu finden. In dieser Zeit vergrößerte sich der Reichtum unseres Kontinents zulasten der Menschen in Afrika, Asien und Amerika. Die Ausbeutung setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Herrschaft der immer größer werdenden Konzerne auf wirtschaftlicher Ebene fort. Für die Flüchtlingsströme aus Afrika tragen wir in Europa aus meiner Sicht deshalb eine bedeutende Mitverantwortung.

Europa steht heute vor gewaltigen Herausforderungen, weil wir gesellschaftlich noch nicht den Mut gefunden haben, eine Gegenentwicklung zu der Herrschaft des Geldes zu finden. Mit dieser sollte der Mensch und seine individuellen Bedürfnisse wieder in den Mittelpunkt des politischen Handelns gestellt werden und unser Weltverständnis sich von einem materialistisch-rationalen Denken hin zu einer ganzheitlich-spirituellen Sicht wandeln. Denn nur dadurch vermögen wir die Krisen unserer Zeit zu bestehen, uns selbst weiterzuentwickeln und den Völkern auf den anderen Kontinenten der Erde, die Freiheit zu geben, sich nach ihren eigenen Vorstellungen entfalten zu können.

Eine Gesellschaft entwickelt sich weiter durch die Entwicklung eines jeden einzelnen Menschen. Und so kann jeder von uns seinen individuellen Beitrag dazu leisten, dass sich Europa wandelt und dass die Idee eines freien und selbstbestimmten Lebens in einer offenen und menschlichen Gesellschaft verwirklicht wird. Dies ist aus meiner Sicht die Aufgabe der Menschen hier in Europa. Das kann aber innerhalb unseres derzeitigen Wirtschafts- und Geldsystems nicht geschehen, weil es die Menschen abhängig und fremdbestimmt hält.

Meine Vision ist eine Gesellschaft ohne Geld und ohne Grenzen. In ihr kann sich jeder Mensch, gleich seiner Herkunft, alles beschaffen, was er für sein Leben wirklich benötigt. Jeder Mensch ist frei, seiner individuellen Berufung nachzugehen, um durch sie der Gemeinschaft, in der er lebt, zu dienen. Die Wirtschaft stellt den Menschen und damit den Dienst an der Gesellschaft in den Mittelpunkt ihres Handelns. Der Mensch vermag zu jeder Zeit und von jedem Ort der Welt zu jedem anderen Ort zu reisen. Zudem achtet und respektiert jeder Mensch die Glaubensvorstellungen und Lebensweisen eines jeden anderen Menschen.

Wir in Europa haben das Potential, dies zu verwirklichen und damit unseren Beitrag für eine wahre Einheit der Menschheit auf diesem wunderbaren Planeten zu schaffen. Dies ist für mich die gesellschaftliche Vision Europas, die es jetzt zu verwirklichen gilt. Voraussetzung dafür ist die Integration von Religion und Wissenschaft, von Gefühl und Verstand. Möge diese Vision in den nächsten Jahren Wirklichkeit werden und der Mensch durch sie zum wahren Menschsein finden!

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