Die Odyssee – über den Film von Christopher Nolan
Von: Stefan Andromis Herbert
Datum: 15. August 2026

Dies ist mein persönlicher Beitrag zu dem Kinofilm „Die Odyssee“ vom Regisseur Christopher Nolan, der mich sehr berührt hat. Ich beurteile den Film aus einer Sicht, in der es mir nicht so wichtig ist, wie realitätsgetreu die Geschichte von Homer wiedergegeben wurde, wenn gleichzeitig die Essenz oder das Wesentliche vermittelt wird.
Auch kann ich es akzeptieren, dass Helena von einer schwarzen Afrikanerin gespielt wird, obwohl ich sie innerlich mit einer blonden Frau verbinde. Das ist für mich nicht das Wesentliche. Wichtiger ist mir, dass der Film mich innerlich sehr berührt hat und ich mich tiefgehend mit seiner Bedeutung für mich selbst beschäftigte.
Ob dies die gleiche Bedeutung ist, welche die Geschichtswissenschaft dem Text Homers gibt, ist für mich auch nicht entscheidend, sondern eher eine Frage der Interpretation. Dabei kann die Wissenschaft nicht eindeutig belegen, dass es den Dichter Homer überhaupt gegeben hatte. Denn es kann auch sein, dass die Geschichte über die Odyssee von unbekannten Autoren stammen und ihm nur zugeschrieben wurden.
Die Odyssee soll voraussichtlich im 8. oder 7. Jahrhundert vor Christus niedergeschrieben worden sein, doch war sie davor schon jahrhundertelang mündlich überliefert worden. Für mich scheint sie deshalb weniger einen geschichtlichen Kern zu haben oder ein historisches Dokument zu sein, sondern mehr aus der Welt der Sagen zu stammen, mit der sie uns Lebensweisheiten oder -wahrheiten vermitteln möchte.
Meine Vorgeschichte
Doch zuerst möchte ich erwähnen, dass ich Christopher Nolan seit seinen Filmen Interstellar und Oppenheimer sehr schätze. Als ich hörte, dass er die Odyssee verfilmt, war ich skeptisch. Für diese Geschichte hatte ich mich bisher nicht wirklich interessiert und ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie viele Besucher ins Kino locken würde.
So war ich bis wenige Wochen vor dem Kinostart noch nicht davon überzeugt, dass ich ihn mir überhaupt ansehen würde. Als er dann in die Kinos kam und ich die heftigen Reaktionen mitbekam, interessierte er mich doch. So sah ich ihn mir an, um mir eine eigene Meinung über den Film zu bilden.
Ich war begeistert von den fantastischen Bildern und fand ihn auch sehr spannend. Damit war er für mich durchaus sehenswert, doch nicht so bedeutsam, dass ich gleich nach dem Ende des Films entschied, ihn noch ein zweites Mal zu sehen. Zu Hause recherchierte ich Kritiken zum Film und hörte mir unterschiedliche Meinungen und Interpretationen an. Hier Links zu YouTube-Videos:
https://www.youtube.com/watch?v=MHAhNQYS9zA
https://www.youtube.com/watch?v=Jvy8Lf0AHsY
Je mehr ich mich mit dem ursprünglichen Text der Odyssee und der Verfilmung von Nolan beschäftigte, desto mehr packte er mich doch. Deshalb entschied ich nach einigen Tagen, ihn mir ein zweites Mal anzusehen. Durch meine Recherchen betrachte ich die Irrfahrt diesmal mit einem psychologischen und mythologischen Hintergrund. Auch machte Odysseus für mich eine Heldenreise durch, die uns etwas über uns selbst oder unser Leben zu sagen vermag.
In diesem Zusammenhang ist mir die Vorgeschichte mit dem Sieg über Troja sehr wichtig und sogar der zentrale Punkt, ohne den die anschließende Odyssee nicht verstanden werden kann. Entscheidende Rollen in der Sage spielen natürlich die griechischen Götter, die auf vielfältige Weise in die Abenteuer des Odysseus eingreifen.
Interessanterweise werden die großen Götter des Olymp wie Zeus und Poseidon in Nolans Verfilmung nicht in menschlicher Gestalt gezeigt. Die Ausnahme ist Athene, welche alleinig für Odysseus sichtbar ist und mir deshalb wie eine innere Stimme, statt eine Gottheit erscheint.
Das finde ich sogar sehr gut, da auf diese Weise die Menschen mit ihren Handlungen und Entscheidungen noch mehr im Mittelpunkt stehen. Poseidon ist beispielsweise nur präsent durch seine Stürme auf See. Von Zeus wird nur sein Gesetz der Gastfreundschaft erzählt, dass den Griechen wichtig zu sein scheint.
Der Inhalt
Schon seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Heldenreise nach dem Mythenforscher Joseph Campbell. Dort werden junge und unerfahrene Menschen beschrieben, welche auf einen meist älteren Mentor treffen, der ihnen hilft, durch innere Konflikte und andere Hindernisse zu einem bewussten und reifen Menschen zu werden.
Beste Beispiele sind für mich die Geschichte um den jungen Luke Skywalker in den Star Wars Episoden IV bis VI, der begleitet durch die Mentoren Obi Wan Kenobi und später Yoda zu einem Jedi-Ritter wird. Dagegen misslingt die Heldenreise bei seinem Vater Anakin in den ersten drei Episoden, weil sein Mentor der junge Obi Wan damals noch nicht die notwendige Reife besitzt.
Für mich macht Odysseus in dem Film eine etwas andere Heldenreise. Er ist König von Ithaka und unterstützt Agamemnon, einem griechischen Heerführer, bei seinem Krieg gegen Troja. Neun Jahre lang versuchen sie die Stadt vergeblich zu erobern, doch ohne Erfolg. Da greift Odysseus zu der List mit dem trojanische Pferd, durch welches die Eroberung gelingt.
Zwar wird er deshalb von den Griechen als ein großer Kriegsheld gefeiert, doch kommen ihm bereits während der Eroberung Zweifel, ob er wirklich dieser Held ist. Denn im Grunde genommen hat er die Stadt nicht auf heldenhafte Weise besiegt, sondern durch eine unehrliche Tat. Bei der anschließenden brutalen Zerstörung der Stadt durch seine Männer, ahnt er deshalb bereits, was für eine Schuld er durch die Verwendung des trojanischen Pferds auf sich gezogen hat.
Aus diesem Grund wird die Rückkehr nach Hause für ihn zu einer Reise der Läuterung und Kriegstrauma-Bewältigung, um dadurch seine Schuld zu sühnen und zu einem weiseren und reiferen Menschen zu werden. Die Irrfahrt ist für mich deshalb weniger eine geografisch einzuordnende Reise auf dem Mittelmeer, sondern eine innere „Verirrung“, dessen Heilung viele Jahre benötigt. Dazu passt auch, dass er während dieser Reise alle seine Männer verliert und als einziger zurückkehrt.
Ein entscheidender Bestandteil dieses Prozesses ist auch die Reise zum Hades, der griechischen Unterwelt. Für mich ist der Hades ein Symbol für die Konfrontation mit unserem Unbewussten. Hier begegnet Odysseus unter anderem seinen inneren Schatten in Form von jenen seiner Männer, die er nicht würdig beerdigen konnte. Außerdem trifft er auf Agamemnon, für den er in den Krieg gezogen ist.
Doch erhält er hier auch wichtige Informationen über seine Heimreise. Das gab mir die Erkenntnis, dass diese Unterwelt nicht das absolut Böse ist, sondern uns nur mit unseren tiefsten Ängsten und Schuldgefühlen konfrontiert. Außerdem zeigt sich, dass dort quasi am tiefsten Punkt unseres Lebens trotzdem immer jemand da ist, der einem weiterhilft.
Im Film geschieht die eigentliche Heilung während Odysseus Aufenthalt bei der Nymphe Kalypso. Dort erinnert er sich Schrittweise wieder an die zuvor verdrängten Erlebnisse von der Schlacht um Troja und der anschließenden Odyssee, und kann sie verarbeiten. Erst danach ist er bereit, nach Hause zurückzukehren. Dadurch kommt es für mich zu einem weiteren spannenden Thema: die Liebe zwischen Odysseus und Penelope.
Nach der Eroberung Toja’s wartete Penelope vergeblich auf die Rückkehr ihres geliebten Mannes. Auch nach sieben Jahren spürte sie innerlich, dass er noch lebt und fühlt sich mit ihm weiter verbunden. Deshalb versuchte sie mit aller Kraft die sie umwerbenden Freier von sich zu weisen, welche sie heiraten und sich dadurch selbst auf den leeren Thron Ithaka’s setzen wollen.
Das gelingt ihr nicht besonders gut, zumal auch ihr Sohn Telemachos, der seinen Vater nie kennengelernt hat, noch nicht bereit ist, den Thron zu übernehmen und selbst König zu werden. Der Film zeigte für mich deutlich die Komplexität dieser Situation, aus der es jahrelang keine Lösung gibt, in der Mutter und Sohn nur auf die baldige Rückkehr Odysseus hoffen können.
Sowohl Penelope, wie auch Odysseus verehrten Athene, die Göttin der Weisheit, des Kampfes und des Handwerks. Bevor er in den Krieg zieht, gibt Penelope ihm eine Anstecknadel von Athene, damit sie ihn auf seiner Reise beschützen möge. Athene wird auch in Troja verehrt, da sie ebenfalls die Schutzgöttin der Städte ist.
Als Odysseus den trickreichen Plan ersinnt, den Trojanern ein hölzernes Pferd zu schenken und sich selbst mit einigen Männern in ihm zu verstecken, beschrieb er dies gegenüber der Stadt als ein Geschenk an Athene. Der Plan ging auf und die Griechen gelangten innerhalb der Mauern von Troja, wo sie aus Zorn über die neun vergeblichen Jahre der Eroberung alles verwüsteten und zerstörten, was ihnen begegnet.
Dabei töteten sie auch eine Priesterin des Tempels der Athene und köpften eine Athene Statue. Da Odysseus durch diese Taten, die von ihm verehrte Göttin verraten hatte, tauchte sie aus meiner Sicht auf seiner Irrfahrt immer wieder als schlechtes Gewissen in seinem Inneren auf.
Die Bedeutung
Wie schon erwähnt, ist Odysseus während seiner Irrfahrt eigentlich auf einem tiefen Weg der Läuterung und Wandlung. Dazu nimmt er am Anfang durch seine Taten eine große Schuld auf sich und muss diese über eine lange Leidenszeit hinweg sühnen. Doch ist der höchste Gott Zeus letztendlich gnädig zu ihm und lässt ihn nach Hause fahren.
Bedeutsam ist für mich auch die Liebe zu Penelope, an der beide trotz der langen Jahre der Trennung festhalten. Am Schluss löst Odysseus das familiäre Drama mit den Freiern, die seinen Thron beanspruchten, in dem er die meisten von ihnen umbringt. Dadurch nimmt er zwar wieder eine Schuld auf sich, doch begegnet er dieser, in dem er seinen Sohn Telemachos ermöglichst, sein Nachfolger zu werden und selbst ins Exil zu gehen.
In den letzten Szenen reist er mit Penelope auf einem Schiff Richtung Westen, der untergehenden Sonne entgegen. Dadurch ehrt er alle unter ihm gedienten Mannen, die er während seiner Irrfahrt nicht würdevoll beerdigen konnte und ihn deshalb im Hades verfolgten.
Odysseus hat einen guten Freund und Berater namens Mentor, den er die Verwaltung seines Hauses überlässt, als er in den Krieg gegen Troja zieht. Abgeleitet von diesem Namen wird noch heute dieser Begriff als ein meist älterer Berater oder hilfreicher Freund verwendet. In der Heldenreise hat ein Held immer einen Mentor, wie Obi Wan Kenobi bei Luke Skywalker, der ihm hilft, zu einem erwachsenen Mann zu werden.
In der Odyssee wacht Mentor auch über Odysseus Sohn Telemachos, damit dieser die Reife erlangt, eines Tages den Thron seines Vaters zu besteigen. Odysseus hat während seiner Irrfahrt keinen männlichen Mentor, sondern eher Athene und Kalypso als Begleiterinnen. Damit scheinen mir für ihn deren weibliche Qualitäten wichtiger zu sein, damit der einst harte Krieger sich seiner Verwundbarkeit und seinem Mitgefühl öffnen kann.
Der Grund für den Krieg gegen die Stadt Troja war die Entführung der schönen Helena, der Ehefrau vom König Menelaos, durch den Sohn des trojanischen Königs Priamos mit dem Namen Paris. Aus Rache stellt deshalb Menelaos Bruder Agamemnon ein Heer auf, um Helena wieder zurückzuholen.
Odysseus und andere Griechen fühlten sich verpflichtet, Agamemnon hierbei zu unterstützen. Somit könnte eine weitere Weisheit der Sage sein, dass die Liebe zwischen Männern und Frauen oft so stark ist, dass sie zwar großes Leid verursachen kann, aus denen sich aber auch tiefe Erfahrungen ergeben, welche uns bisher verborgene Bewusstseinsaspekte offenbaren können.



