Der Entwicklungsweg vom Jungen zum Mann

Von: Stefan Andromis Herbert
Datum: 19.04.2026

Dieser Beitrag handelt vom Erwachsenwerden eines Jungen zum Mann. Er ist aus meiner Sicht allerdings nicht nur für Männer interessant, sondern auch für Frauen, um ihre Söhne und Partner besser verstehen zu können. Denn wir werden alle in den Geschlechtern männlich oder weiblich geboren, weshalb es für mich wichtig ist, mit den hieraus entstehenden Konflikten offen und bewusst umzugehen.

Das Thema ist natürlich uralt, weshalb sich dazu Hinweise in alten Sagen und Märchen finden, wie beispielsweise in der Nibelungen-Sage bei Siegfried, dem Drachentöter und in dem Grimms Märchen Eisenhans. Aber auch in modernen Geschichten, wie in „Der Herr der Ringe“ von J.J.R. Tolkien und in den Star Wars Kinofilmen. Dort hat George Lukas mythologische Elemente eingebaut, wie die Heldenreise des Mythenforschers Joseph Campbell, die archetypische Muster unserer geistigen und spirituellen Entwicklung hin zu einem bewussten erwachsenen Menschen beschreiben.

Bei den Naturvölkern gab es schon immer initiatorische Rituale für das Erwachsenwerden wie Mutproben oder die Visionssuche. Bestehen die Jugendlichen diese Prüfungen, werden sie in einer Zeremonie offiziell in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen. Dies ist gerade für heranwachsende Männer wichtig, um sich von der Mutter zu lösen und ganz frei zu sein für seine zukünftigen Beziehungen mit Frauen.

Siegfried und der Drache

In der Nibelungen-Sage wird die Geschichte des jungen Königssohns Siegfried aus Xanten erzählt, der bei einem Schmied aufwächst. Er erlernt dessen Handwerk und als er reif genug ist, muss er gegen den gefährlichen Drachen Fafnir kämpfen. Nachdem er ihn besiegt hat, badetet er in dessen Blut und wird dadurch fast unbesiegbar. Außerdem nimmt er den Schatz der Nibelungen an sich, den der Drache bewacht hatte.

Die Sage zeigt mir, dass es für einen Jungen sehr wichtig ist, in seinem Umfeld männliche Vorbilder zu haben, wie dem Schmied. Nur diese können ihm vermitteln, was es bedeutet ein Mann zu sein. Eigentlich ist dies die Aufgabe des Vaters, doch wenn er nicht da ist oder selbst seine Männlichkeit nicht fühlt, also diesen Weg nicht gegangen ist, so vermag er dies nicht an seine Söhne weiterzugeben. Oft tauchen dann andere männliche Personen auf, wie Onkel, männliche Freunde der Familie oder Nachbarn, welche diese Rolle übernehmen.

Genau wie bei den Naturvölkern, muss Siegfried mit dem Kampf gegen den Drachen eine Prüfung bestehen, die seinen ganzen Mut und Geschick fordert. Dadurch kommt er in Berührung mit seiner männlichen Kraft, kann sie integrieren und lernen mit ihr umzugehen. Siegfried tötet den Drachen, wodurch er symbolisch dessen Stärke und Kraft in sich integriert.
Der Schatz, der von dem Drachen bewacht wurde, ist unser ureigenes Potential und steht deshalb symbolisch für unsere „inneren Schätze“, die wir durch die Integration gewinnen. Aber diese fordern von uns auch, sie im Sinne des Ganzen oder der Gemeinschaft einzusetzen. Siegfried tut dies nicht, sondern will ihn für sich behalten, weshalb er ihm letztendlich nur Unglück bringt.

Der Wilde Mann

Auf meinem eigenen Entwicklungsweg war das weniger bekannte Märchen „Eisenhans“ von den Gebrüdern Grimm sehr wichtig. Der amerikanische Schriftsteller Robert Bly beschreibt mit ihm den Prozess des Mann Werdens in seinem gleichnamigen Buch (ISBN 978-3499620157). Das Märchen handelt von einem Königssohn, dessen Vater einen wilden Mann aus dem benachbarten Wald fängt und auf dem Schlosshof in einem Käfig einsperrt.

Der Junge spricht den wilden Mann an, der sich Eisenhans nennt. Dieser bittet den Sohn, ihn aus dem Käfig zu befreien. Interessanterweise befindet sich der Schlüssel für die Tür des Käfigs unter dem Kopfkissen der Mutter. Dies bedeutet für mich, dass es wichtig ist, irgendwann nicht mehr auf die Eltern und besonders die Mutter zu hören, sondern zu beginnen, eigene Entscheidungen zu treffen und dadurch sein eigenes Leben zu leben.

Das Stehlen des Schlüssels aus dem Bett der Mutter mag sich wie Verrat anfühlen. Doch dieser muss begangen werden, damit der Junge aufhört, der sich oft übermächtig anfühlenden Mutter weiterhin ein „guter Junge“ zu sein. Nur so kann er sich von ihr lösen und ganz frei werden.

Der wilde Mann nimmt den Königssohn mit in seinen Wald, wo er einen Brunnen mit goldenem Wasser bewachen soll. Doch als er sich zu sehr über den Brunnen beugt, um sein Spiegelbild zu bewundern, fallen seine Haare in das Wasser und werden golden. Dies ist, genau wie der durch den Drachen gehütete Schatz, ein Hinweis auf unsere „inneren“ Potentiale, Robert Bly spricht hier von unserem „Genie“.

Doch dürfen wir diesen Schatz in uns noch nicht nach außen zeigen, sondern müssen erst einen inneren Reifungsprozess durchlaufen. Dazu schickt der wilde Mann den Königssohn hinaus in die Welt. Seine goldenen Haare mit einer Mütze verborgen haltend, findet er Arbeit als Küchenhilfe in dem Schloss eines fremden Königs.

Hier muss er zuerst einer niedrigen Arbeit nachgehen, bei denen er mit Asche und Ruß zu tun hat. Dies ist vergleichbar mit der Rolle des Aschenputtels, die veranlasst durch ihre Stiefmutter und ihre Stiefschwestern, in ihrem eigenen Zuhause als Dienstmagd auch die niedrigen und schmutzigen Arbeiten tun muss.

Aber der Königssohn und das Aschenputtel wissen um den Sinn ihrer dienenden Tätigkeiten als einen wertvollen Teil ihres Lebens. Sie tun diese in Demut und warten, bis sie die notwendige innere Reife erlangt haben und das Schicksal sich wandelt. Eine solche Zeit der inneren Einkehr oder dem Verrichten von „niedrigen“ eher dienenden Tätigkeiten erlebt auch der mit königlicher Abstammung geborene Siegfried in der handwerklichen Ausbildung zum Schmied.

Im weiteren Verlauf des Märchens wird der Königssohn zum Ritter und sich damit seiner männlichen Kräfte bewusst. Ohne Wissen des Königs, an dessen Hof er tätig ist, taucht er dreimal als fremder Ritter in dessen Turnier auf und gewinnt seine Kämpfe. Mit diesen Auftritten durchläuft er eine Transformationsphase und kann dann die Tochter des Königs heiraten und selbst zum König werden.

Die Heldenreisen von Anakin und Luke Skywalker

In der Science-Fiction Saga Star Wars begeben sich die beiden zentralen Figuren Anakin und Luke Skywalker auf einen initiatorischen Weg der Heldenreise, die zur Meisterschaft (symbolisch zum Jedi-Ritter) über das eigene Leben führt. Anakin Skywalker überwindet allerdings seine tiefe Verletzung durch den Verlust der Mutter nicht und tritt dadurch zur dunklen Seite über und wird zu Darth Vader. Deshalb muss sein Sohn Luke die Aufgabe übernehmen, ihn zu erlösen.

Beide begegnen Obi Wan Kenobi als Mentor, der sie auf ihrem Weg zu einem erwachsenen Menschen begleitet. Bei Anakin ist Obi Wan allerdings selbst noch nicht reif für seine Mentoren-Rolle gewesen und vermag ihm bei seiner tiefen Mutterverletzung nicht zur Seite zu stehen. Später, als Anakin zu Darth Wader geworden ist, gesteht sich Obi Wan sogar ein, an Anakin versagt zu haben. Das ist für ihn der Moment, um selbst zum wahren Jedi-Ritter zu werden.

Luke begegnet am Anfang seiner Reise den älteren und weiseren Obi Wan Kenobi und trifft später auf seinen zweiten Mentor Yoda. Dieser ist sich seiner Macht und Stärke als Jedi-Ritter voll bewusst ist und unterstützt den jungen Skywalker so weit er es vermag. Denn dies kann nur bis zu einem bestimmten Punkt führen, ab dem Luke alles von ihm gelernt hat und den Weg alleine gehen muss.

Entscheidend ist für Luke der Kampf in der Wolkenstadt mit Darth Vader, der ihm offenbart, dass er sein Vater ist. Dadurch wird Luke mit seinem eigenen Schatten konfrontiert. Indem er seinen Vater erkennt und den Schatten integriert, ist er bereit für die finale Auseinandersetzung mit dem Imperator. Dort findet sein Vater über die Liebe zu seinem Sohn den Mut, den Imperator zu vernichten. Damit erlöst er sich selbst und bewahrt Luke davor, von ihm getötet zu werden.

Wie Siegfried in der Nibelungen-Sage und der Königssohn in Eisenhans, müssen auch die beiden Helden in Star Wars nach der Begegnung mit ihren Mentoren ihre Heimat verlassen. Luke kommt damit besser zurecht als Anakin, der die Trennung von seiner Mutter nie wirklich überwindet. Als er sie später als junger Mann nicht vor ihrem Tod bewahren kann, löst dies bei ihm einen heftigen Hass- und Rache-Impuls aus.

Diese Verletzung begegnet ihm wieder in seiner Angst, seiner geliebten Frau Amidala könnte etwas Gefährliches zustoßen und er könnte auch sie nicht retten. Weil Anakin mit dieser Angst nicht alleine umzugehen vermag und Obi Wan als Mentor fehlt, führt ihn dies auf die dunklen Seite. Yoda bemerkt dazu (Zitat): „Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite. Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid.“

Wie Anakin oder später auch Luke, muss sich jeder Mensch auf seinem Entwicklungsweg entscheiden, ob er die Seite des Guten oder des Bösen wählt. Ich spreche hier bewusst von diesen Polaritäten, weil es in dieser Phase der Entwicklung diese Unterscheidung noch gibt. Erst später, nachdem durch die Auseinandersetzung mit dem Dunklen, die Schattenaspekte in sich integriert wurden, gibt es kein Gut und Böse mehr. Dann gibt es nur noch die Wahrhaftigkeit des eigenen Handeln.

Luke geht diesen Weg, als er anerkennen muss, dass der „böse“ Darth Vader sein eigener Vater ist und das ein Teil des Bösen deshalb auch in ihm ist. Dies verändert ihn und macht ihm klarer und bewusster. Nachdem er sich in dem finalen Kampf dem Imperator stellt, wird er selbst zu einem Jedi-Meister.

Auseinandersetzungen zwischen Vater und Sohn sind somit sehr wichtig und finden sich auch in der griechischen Götterwelten wieder. Dort wird Uranos durch seinen Sohn Kronos entmannt. Kronos hat deshalb Angst, seine Kinder würden das gleiche mit ihm tun und verschlingt Demeter, Hera, Hades und Poseidon nach deren Geburt.

Als Zeus geboren wird, vermag seine Mutter Rea ihn zu verstecken und im Geheimen aufwachsen zu lassen. Aber trotzdem muss dieser gegen seinen Vater kämpfen, besiegt ihn und rettet damit die zuvor verschlungenen Geschwister.

Aragorn in „Der Herr der Ringe“

In der Trilogie „Der Herr der Ringe“ von J.R.R. Tolkien ist für mich die Entwicklung von Aragorn, eine der beiden menschlichen Gefährten der Gemeinschaft des Ringes am bedeutendsten. Er ist der Nachfahre des Königs Isildur von Gondor, der einst in einer großen Schlacht gegen den dunklen Sauron kämpfte und ihm seinen Finger mit dem Ring der Macht abschlug.

Dadurch gelangte der Ring in seinen Besitz und ihm fiel die Aufgabe zu, ihn in die Flammen des Schicksalsberges von Mordor zu werfen. Doch Isildur versagt und verfällt der Macht des Ringes. Da der Ring an die Nachfahren Isildurs gebunden ist, liegt es nun an Aragorn, diese Aufgabe anzugehen. Dieser schämt sich aber für das Versagen seines Vorfahren, verdrängt deshalb seine königliche Herkunft und lebt zurückgezogen seine „Asche-Zeit“ als Landstreicher (siehe Eisenhans).

Als er in Bruchtal auf Frodo und Gandalf trifft erkennt er dies und verpflichtet sich mit seinem Leben, der Gemeinschaft zu helfen, den Ring letztendlich doch zu vernichten. Damit nimmt er die Verletzung seiner Vorfahren an, heilt die viele Jahrhunderte alte Wunde seiner Ahnen und kann am Ende der Geschichte dem ihm gebührenden Platz als König von Gondor einnehmen.

Indem Aragorn seinem inneren Weg zu einem bewussten Mann und Krieger geht, trifft er auf Arwen, die Tochter des Elbenfürsten Elrond, mit der er sich zeitgleich mit seiner Krönung vermählt. Für mich bedeutet dies, wenn der Entwicklungsweg zum Mann vollendet ist und er seiner Bestimmung folgt, ist er frei für das Erleben einer erfüllenden und gleichwertigen Partnerschaft.

Wann wird ein Mann ein Mann?

In den erwähnten Geschichten wird für mich deutlich, wie wichtig es ist, seinen eigenen Weg zu gehen und die so wichtigen Erfahrungen zu machen die uns keine Eltern abnehmen können. Außerdem gehören die Begegnungen mit unseren Schattenthemen dazu, also jenen Emotionen und Ängsten, die wir unser Leben lang verdrängt haben. Oft sind dies die gleichen inneren Konflikte, wie bei den Vätern.

Unsere durch Vernunft und Verstand geprägte Gesellschaft ist sich dies nicht wirklich bewusst, denn es wird mehr Wert darauf gelegt, dass Heranwachsende Jungen einen Beruf erlernen, mit dem sie sich ihren Lebensunterhalt verdienen und eine Familie ernähren können. Wie sie mit emotionalen Verletzungen aus der Kindheit und der Jugend umgehen und einen tiefen Sinn in ihrem Leben finden, lernen sie in der Regel nicht.

Aus meiner Sicht hat unsere Gesellschaft deshalb bis heute nicht wirklich eine Antwort auf die Frage gefunden, die der Sänger Herbert Grönemeyer in einem seiner bekanntesten Lieder im Jahre 1984 gestellt hat: „Wann ist ein Mann ein Mann?“ Die Naturvölker kennen die Antwort darauf schon seit Jahrtausenden und nutzen die Kraft von Ritualen, in denen Jungen durch Initiationen zu einem Mann reifen. Bei uns gibt es diese nicht mehr.

Wenn man sich mit diesem Thema aus der Sicht von Robert Bly befasst, stellt man fest, dass viele erwachsene Männer deshalb noch große Jungs sind, denn sie haben nie gelernt, mit ihren Emotionen umzugehen, sich von ihren Eltern abzunabeln und ihr eigenes Leben zu leben.

Vor allem haben sie kein Gefühl in sich entwickelt, was es wahrhaftig bedeutet, ein Mann zu sein. Damit meine ich keinen aggressiven Machos oder Rambos, sondern einen reifen und mitfühlenden Mann, der sich seiner Aggressionen bewusst ist, sie integriert und in Kreativität und Tatkraft gewandelt hat. Dadurch vermag er Frauen mit all ihren Bedürfnissen, Ängsten, Schwächen und Wünschen anzunehmen und zu würdigen, so wie sie sind.

Weil mit der Zeit der Aufklärung und der Fokussierung auf den vernunftbegabten Menschen, dieser emotional gereifte Mann verdrängt wurde, finden wir in unserer Gesellschaft auch kaum mehr Vorbilder. Am besten repräsentiert mir Aragorn in „Der Herr der Ringe“ einen solchen Typ von Mann. Er ist wahrhaftig und geht klar seinen Weg, er hört auf sein Herz, ist sich seiner inneren Stärke bewusst und stellt damit einen weisen Führer dar, der neben Stärke auch Mitgefühl und Respekt zu zeigen vermag.

Gelingt dieser Entwicklungsweg nicht und wird die uns Männern innewohnende Kraft stattdessen unterdrückt, sind die Folgen Entwurzelung, Vereinsamung, Drogen- und Spielsucht, Kriminalität, Hooligans, Terrorismus, gnadenlose Karrieremenschen, Unterdrückung von Frauen, Potenzstörungen, Pornographie, Vergewaltigungen, etc.

Unsere Gesellschaft täte deshalb sehr gut daran, die wahren Ursachen für diese Übel zu erkennen und endlich neue Wege einzuschlagen. Damit schaffen wir dann auch die Basis, für ein neues Verständnis von Mann und Frau und zu einem wahrhaft gleichberechtigten Miteinander beider Geschlechter.

Um dies zu erreichen, ist für mich auch ein tieferes Umdenken auf der mythologischen und spirituellen Ebene nötig. In unserem Weltbild ist der Himmel männlich geprägt und die Erde weiblich. So sprechen wir einseitig immer nur von „Vater Himmel“ und „Mutter Erde“. Doch das ist nicht immer so klar getrennt gewesen.

In der altägyptischen und griechischen Mythologie gab es noch die gegenpoligen Aspekte der Himmelsmutter und den Erdvater. Der wilde Mann in de Märchen Eisenhans und der Schmied aus der Nibelungen-Sage sind solche Erdvater-Archetypen. Männer, die mit der Erde verwurzelt sind, die im Einklang mit der Natur oder den Elementen leben. Ein anderes Beispiel dafür ist Poseidon, der griechische Gott des Meeres.

Doch genauso, darf die Frau sich ihrer göttlichen Anbindung gewusst sein, ihrer Intuition folgen und darf lichtvoll sein. Damit müssen sich heranwachsende Frauen auch nicht nur mit der Erdmutter Maria identifizieren, sondern vermögen in sich auch himmlische Aspekte zu sehen. Männlich und weiblich sind dann wahrhaftig gleichwertig und gleich berechtigt. Und das ist für mich letztendlich das Ziel.

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