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Europa - nur ein Kontinent oder eine gesellschaftliche Vision?

Von: Stefan Andromis Herbert - Datum: 18.08.2015


Nach dem zweiten Weltkrieg taten sich die Völker Europas wirtschaftlich und politisch mit dem Ziel zusammen, weitere Kriege auf diesem Kontinent zu verhindern. So wurde im Mai 1949 der Europarat gegründet und 1951 entstand die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, auch Montanunion genannt. Diese führte zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG, die zur EG (Europäische Gemeinschaft) wurde und nun leben wir in der EU (Europäische Union). Bis heute ist die Europäische Staatengemeinschaft auf 28 Mitglieder angewachsen. Neben der anfänglich reinen Wirtschaftsunion ist ein zollfreier Raum (Schengen Raum) entstanden und seit Januar 2002 gibt es die Gemeinschaftswährung Euro. Auch auf der politischen Ebene werden immer mehr Entscheidungen zentral in Brüssel getroffen.

Damit wurde in den vergangenen Jahrzehnten sicherlich vieles vollbracht, was unser Leben innerhalb der Gemeinschaft friedlicher und besser gemacht hat. Doch zeigen sich auch gravierende Schattenseiten, besonders in diesem Jahr 2015. Viele Menschen sind unzufrieden mit der Zentralisierung der Politik in Brüssel und des von dort ausgehenden Einflusses auf unser Leben. Zudem finden viele Menschen nicht gut, wie die Politiker in der EU mit der aktuellen Flüchtlingswelle und dem bankrotten Griechenland umgehen. Da ist es sicherlich verständlich, wenn eine immer größere Europa-Verdrossenheit entsteht.

In diesem Beitrag möchte ich zuerst ansprechen, woher das Wort Europa kommt und dann aufzeigen, wie sich dieser Kontinent im Laufe der Geschichte entwickelt hat. Dadurch lässt sich erkennen, was Europa ausmacht, was der „Geist von Europa“ ist, der für mich nicht in einer immer stärker werdenden Wirtschaftsmacht zu finden ist. Zum Schluss will ich zeigen, wie sich die Staatengemeinschaft weiterentwickeln kann zur Verwirklichung einer Vision für ein Neues Europa in der Neuen Zeit.



Woher kommt Europa?

Beginnen möchte ich mit dem Ursprung des Wortes Europa. Gemäß Wikipedia stammt es aus dem semitischen Sprachraum des Nahen Ostens und bedeutet sowie viel „untergehen“ (erebu). Gemeint ist hier nicht Europa als Land, sondern es geht um die Himmelsrichtung der untergehenden Sonne und hat damit die gleiche Bedeutung, wie der Begriff des Abendlandes. Daneben gibt es den Ausdruck „asu“ für „aufgehen“. Dies ist die Wurzel unseres Wortes für Asien und beschreibt das Morgenland, also dem Land, in dem die Sonne aufgeht. Diese beiden Ausdrücke wurden später von den antiken Griechen übernommen und so bezeichnete Herodot, ein Geschichtsschreiber aus dem 5. Jahrhundert v.Chr., die Länder nördlich des Mittelmeeres und des Schwarzen Meeres mit dem Namen Europa, jene östlich des Mittelmeeres als Asien und südlich des Mittelmeeres, also dem heutigen Afrika, mit dem Namen Libyen.

Europa ist aber auch eine Gestalt in der griechischen Mythologie. Sie war eine Tochter des phönizischen Königs Agenor, in die sich der Göttervater Zeus verliebte. Um sie zu verführen, verwandelte er sich in einen weißen Stier und näherte sich so der schönen jungen Frau, die gerade am heimatlichen Strand spielte. Europa gefiel der Stier und als sie sich auf seinen Rücken setze, sprang er mit ihr ins Wasser und schwamm nach Kreta. Dort verwandelte sich Zeus zurück in seine wahre Gestalt. Er verführte sie und aus dieser Verbindung sind drei Kinder entstanden.

Der Sage nach fand dies an einem Strand in der Nähe von Sidon statt, im heutigen Libanon. Die Phönizier waren ein semitisches Volk von Seefahrern und Händlern, die zwischen 1200 und 600 v.Chr. in diesem Gebiet lebten und die Mittelmeerküsten bis nach Gibraltar befuhren. Sowohl der Mythologie, wie auch dem Wort nach, liegt der Ursprung Europas somit im Nahen Osten, also in Asien. Damit stammt der Ausdruck aus einer Region, die in der Menschheitsgeschichte bis heute hoch umkämpft ist und die den heutigen europäischen Politikern immer noch sehr wichtig ist.

In der Mythologie wird die Königstochter Europa aus dem Gebiet des Nahen Ostens in den Westen gebracht. Dies erinnert mich daran, dass auch viele unserer kulturellen Errungenschaften aus diesem Osten oder dem Orient stammen. Der Okzident und Orient, das Abend- und Morgenland sind geschichtlich stark miteinander verflochten. Ein Großteil unserer europäischen Kultur auf die wir so stolz sind, hätte es nie gegeben, wenn die Griechen, die Römer und die mittelalterlichen Völker Europas nicht wertvolle Errungenschaften Vorderasiens übernommen hätten.

Dazu einige Beispiele: Die Wissenschaften der Astronomie und Astrologie kamen aus Ägypten und Mesopotamien. Unser Dezimalsystem stammt ursprünglich auch Indien und kam auch über Babylon in den Westen. Unsere Zeiteinteilung in 24 Stunden pro Tag und 7 Tage die Woche stammen aus Ägypten und Babylonien. Im islamischen Orient wurden die ersten Krankenhäuser gebaut und die Heilmittel entdeckt. Dort gab es auch wichtige Entdeckungen in der Architektur und der Optik, wie die Erfindung der Lupe. Die Gitarre ist über die Mauren in Spanien zu uns gekommen und im maurischen Cordoba gab es die erste Straßenbeleuchtung. Auch der Kaffee, den wir hier im Abendland so sehr lieben, kam aus dem Orient zu uns.

Dies sind alles Dinge, die für uns zu unserem heutige „europäischen Leben“ dazu gehören, aber trotzdem aus dem Nahen Osten oder aus Ägypten stammen. Genauso ist es auch mit den Wurzeln unserer christlichen Religion. In unserem Heiligen Buch der Bibel besteht der weitaus größte Textteil aus dem Alten Testament, in dem die Entstehung der Welt und die Historie des Volkes der Hebräer beschrieben werden. Abraham, der ja nicht nur der Stammvater der Juden und der Christen ist, sondern auch der Moslems, kam aus dem sumerischen Ur in das damalige Land Kanaan, auf dem heutigen Gebiet des Libanons, Israels und Palästinas.

Jesus von Nazareth war jüdischer Herkunft und stammt auch von dort. Nach seinem Tod verbreitete sich seine christliche Botschaft der Nächstenliebe im ganzen Mittelmeerraum und wurde in Rom unter Kaiser Konstantin zur Staatsreligion. In dieser Zeit wurde auch das Datum für Ostern festgelegt. Wir feiern es seitdem am ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond im Frühling, angelehnt an das jüdische Passah-Fest, welches auch am ersten Frühlingsvollmond gefeiert wird. Diese Region und seine Bewohner haben somit vieles mit unserem heutigen Europa zu tun und vielleicht ist es uns auch deshalb so wichtig, was dort politisch geschieht.



Die Errungenschaften Europas

Demokratie, Humanismus und Freiheit sind dagegen für mich reine europäische Vorstellungen. Die Demokratie, also die Herrschaft des Volkes, stammt bekanntlich aus dem antiken Griechenland. In ihr hat das Volk die Möglichkeit durch Äußern der eigenen Meinung und durch Wahlen an der politischen Entscheidungsfindung teilzuhaben. Allerdings durften in der Antike an der politischen Willensbildung nur freie Männer mitwirken, Sklaven und Frauen waren ausgeschlossen.

Wirkliche Demokratie besteht aber auch nur dort, wo die Menschenrechte bedingungslos geachtet werden und wo jeder Mensch ein Recht auf freie Meinungsäußerung hat. Damit ist gewährleistet, dass jeder sein Wahlrecht unabhängig von Herrschaftsstrukturen oder Familienverhältnissen ausüben kann. Das Wahlrecht für die Frauen ist deshalb ein großer Schritt hin zur Verwirklichung der Menschenrechte gewesen. Bis heute betonen unsere Politiker, wie viel Ihnen die Freiheit des einzelnen Menschen bedeutet und mit ihr das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben.

Auch der Humanismus ist eine geistige Strömung mit Wurzeln in der Antike. Er stammt von dem römischen Ausdruck „humanitas“ und bedeutet „Menschlichkeit“. Er wurde verwendet für die Verhaltensweise eines Menschen, die sich durch Milde und Mitgefühl auszeichnete und grenzte die menschliche Natur damit deutlich von animalischen und tierischen Verhalten ab. Mit dem römischen Politiker, Schriftsteller und Philosophen Cicero kam noch die Bildung als wichtige Eigenschaft des Humanismus hinzu. Auch heute noch wird Bildung als ein wesentliches Element gesehen, ohne dass Freiheit und Demokratie nicht möglich sind.

In der Zeit des Mittelalters bis zum 15. Jahrhundert wurde das Leben in Europa sehr stark von der Römischen Kirche beherrscht. Mit der Inquisition versuchte sie ihre Macht zu festigen. Doch es gab Gegenbewegungen, angefangen mit der Renaissance ab dem 15. Jahrhundert, in der sich Philosophen und Dichter wieder stärker auf den Humanismus und Liberalismus der Antike bezogen. Theologen, Philosophen und Wissenschaftler, wie Jan Hus, Martin Luther, Giordano Bruno und Galileo Galilei, wagten über die Begrenzungen der kirchlichen Lehre hinaus zu denken und halfen so die bis dahin uneingeschränkte Macht der Römischen Kirche in Europa immer mehr zu brechen.

Dies wurde begünstigt durch die Entstehung der freien Städte, in denen die Bürger durch den aufkommenden Handel immer wohlhabender und damit auch selbständiger wurden. Im 17. Jahrhundert führte diese Entwicklung in die Zeit der Aufklärung, welche durch Vernunft und rationales Denken das dunkle Mittelalter zu überwinden versuchte. Mit der Aufklärung wurde Gott quasi als Tod erklärt und der vernunftbegabte und wissenschaftlich forschende Mensch erkennt seitdem nur jenes an, was der messen, wiegen oder zählen kann. Dies führte seit dem 18. Jahrhundert zu einem gewaltigen technologischen Fortschritt, welcher bis heute auch als eine der großen Errungenschaften Europas gesehen wird.



Die gesellschaftliche Entwicklung der Völker

Es gab in unserer über 5000 Jahre dauernden Geschichte immer einzelne Völker, welche die Entwicklung der Menschheit voranbrachten. Nach der bei uns anerkannten Geschichtsschreibung fing es an mit den Sumerern und Ägypter, danach kamen die Assyrer und Babylonier. Auch der Übergang zum Monotheismus im Nahen Osten vor etwa 3000 Jahren hat die Menschheit weitergebracht. Die Errungenschaften dieser Region wurden dann von den Griechen und Römer übernommen und weiterentwickelt.

Nachdem das römische Reich im Westen untergangen war, fand der Fortschritt wieder mehr im Osten statt und die europäischen Völker des Mittelalters übernahmen viele Errungenschaften aus dem Orient über die Mauren in Spanien. Ab dem 15. Jahrhundert besannen sich die europäischen Völker mit der Renaissance wieder mehr auf ihre griechisch-römischen Wurzeln und mit der Zeit der Kolonialisierung verbreiteten sie ihr Wissen und ihre Kultur in der ganzen Welt. Seitdem führten sie aus meiner Sicht die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung der Menschheit bis zum Zweiten Weltkrieg an. Ab dieser Zeit übernahmen die USA die Führung der Völker der Erde auf politischer, technologischer und gesellschaftlicher Ebene.

Seit dem Jahre 2001 zeigt sich mir allerdings eine neue Entwicklung, denn die USA vermag die Welt nicht mehr weiterzubringen. Doch sind andere Völker, wie die Europäer, Afrikaner oder Asiaten, derzeit nicht wirklich da, um diese Rolle zu übernehmen. Die Europäer würden es können. Sie haben das Potential dazu, doch vorher müssen sie selber ihre aktuellen Herausforderungen bestehen, auf die ich weiter unten näher eingehe.

So wie sich ein Mensch vom Kind über den Jugendlichen zum Erwachsenen entwickelt, so wächst auch aus meiner Sicht die Menschheit. Entwicklung bedeutet, sich selbst bewusster zu werden, in dem wir uns und unsere Welt lernen zu erkennen und zu verstehen. Ursprünglich bestand die Weltverständnis der Menschen aus mythischen und religiösen Anschauungen. Dann kam in der Antike quasi als Gegenpol eine die Welt erforschende Wissenschaft hinzu. Diese beiden Sichtweisen waren damals allerdings nicht grundsätzlich getrennt voneinander, was sich bei der Astrologie und der Astronomie gut zeigen lässt.

Bis ins späte Mittelalter waren diese beiden Wissensbereiche miteinander verbunden und große Astronomen waren gleichzeitig Astrologen. Mitte des 16. Jahrhunderts trennten sie sich. Die Astronomie ging über zum heliozentrischen Weltbild, in welchem die Sonne im Mittelpunkt steht, die Astrologie behielt dagegen das geozentrische Weltbild bei mit der Erde im Mittelpunkt des Geschehens. In dieser Zeit entstand ein Spannungsfeld zwischen der wissenschaftlichen und der mythisch-religiösen Weltsicht, welches mit der Aufklärung und dem Fortschreiten des technologischen Fortschritts immer stärker wurde und bis heute andauert.

Im Nahen Osten gab es allerdings keine gesellschaftlichen Entwicklungen, wie in Europa in der Renaissance hin zu freiheitlichen und menschlichen Werten oder wie in der Aufklärung mit einer Trennung zwischen Kirche und Staat. Das dortige Leben wird seit dem Entstehen des Islam bestimmt durch dessen religiöse Sichtweisen und Glaubenssätze. In der westlichen Welt hat sich der Mensch zu einem individuellen Wesen entwickelt, mit allen seinen Vor- und Nachteilen. Die Menschen in der islamisch geprägten Gesellschafft machten diese Entwicklung nicht mit. Sie definieren Freiheit deshalb bis heute nicht als das Recht auf Selbstbestimmung eines Individuums, sondern als ein Handeln innerhalb des Rahmens, der durch Gott vorgegeben wird.



Die Zukunft Europas und der Menschheit

Ein Denken über diesen religiösen Rahmen hinaus, ist bis heute in vielen islamischen Gesellschaften Gotteslästerung, was zu dem Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ geführt hat. Die seit der Aufklärung immer stärker gewordene Auseinanderentwicklung der beiden großen Kulturkreise, ist für mich auch der wahre Hintergrund für die Attentate des 11. September 2001. Die arabische Welt fühlte sich immer mehr in einem Spannungsverhältnis zur westlichen Welt. Sie konnte diesen inneren Konflikt aber nicht von selbst lösen, weshalb es zu den Anschlägen auf das World Trade Center in New York City kam.

Verursacht wurde diese Entwiclung auch durch den Versuch der Europäer, ihre auf das freiheitliche Denken basierende Form der Demokratie zu den arabischen und afrikanischen Völkern zu tragen. Weil es dort humanistische und freiheitliche Strömungen in unserem Sinne nie gegeben hatte, mussten all diese Versuche scheitern. Seitdem gab es hier in Deutschland immerhin die Entwicklung, Moslems mehr in unsere westliche Gesellschaft zu integrieren. Die in diesem Zusammenhang gestellte Frage, ob der Islam überhaupt zu Deutschland gehört, ist aber wiederum nur die eine Seite der Medaille, denn eine Integration des Islams in unsere westliche freiheitlich demokratische Kultur kann aus meiner Sicht nur durch einen Konsens geschehen im Sinne eines gegenseitigen Verständnisses füreinander. Dafür müssen sich beide Kulturen aufeinander zu entwickeln. Dies funktioniert nicht, wenn allein die westliche Welt den Islam akzeptiert und anerkennt, die Menschen in der arabischen Welt aber weiterhin die freiheitlichen und humanistischen Gedankenwelt des Westens ablehnen.

Das spüren wahrscheinlich viele Moslems, die hierfür nicht bereit sind und sammeln sich in der Bewegung des Islamischen Staats. Sie haben Angst, vom Westen und seinen freiheitlichen Grundsätzen überrannt zu werden und grenzen sich dagegen klar ab. Auf der anderen Seite haben viele im Westen die Angst, durch eine Islamisierung der westlichen Gesellschaft ihr freies und selbstbestimmtes Leben zu verlieren und finden sich zu Bewegungen, wie der Pegida zusammen. Lösungen können aber nicht politisch bestimmt werden. Nicht durch Verbote auf der einen Seite, aber auch nicht durch Waffengewalt und Terror auf der anderen.

Die Zukunft der Menschheit entscheidet sich in der Lösung dieses gesellschaftlichen Dilemmas über die so grundsätzlich unterschiedlichen Kulturen des Osten und des Westen. Bedingt durch die derzeitigen heftigen Flüchtlingswellen aus Syrien und anderen islamischen Staaten nach Europa, eskaliert dieses Thema gerade besonders, wodurch sich aber auch das Potential für die Lösung entwickelt. Aus meiner Sicht geht es sogar um das gleiche Thema: um die Auseinandersetzung zwischen der mythisch-religiösen Weltsicht nun vertreten durch den Islam, mit dem wissenschaftliche und vernunftorientiere Denken des Westens. Vermag die europäische Gesellschaft diese scheinbaren Gegensätze miteinander zu vereinen, so könnte sie die religiösen Anschauungen des Islam in die humanistische und freiheitliche Sichtweise Europas integrieren und schaffen damit eine gesellschaftliche und kulturelle Einheit im Neuen Bewusstsein.

Diese Entwicklung begann schon im 19. Jahrhundert, als einige erkannten, dass sich die Welt mit der naturwissenschaftlichen Sichtweise alleine doch nicht vollständig beschreiben lässt. Auf ihrer Suche fanden Alice Baily, Rudolf Steiner und andere ihre Antworten in den fernöstlichen Religionen und Weltanschauungen. Diese brachten sie nach Europa und förderten damit bereits eine Umkehrung der hiesigen verstandesorientierten rein auf Wissenschaft und Technologien begründeten Weltsicht. Im Gegensatz zu dem durch Dogmen geprägte Glaubensvorstellungen der christlichen Kirchen, ging diese Bewegung hin zu einer universalen Spiritualität, in der jeder Mensch sein Glauben, Denken und Handeln frei ausüben kann, solange er damit nicht die Freiheit eines Andersgläubigen und -denkenden verletzt.

Das sind für mich die Vorstellungen eines erwachsen gewordenen Menschen, der keine Religion mehr als Stütze benötigt, sondern sich seiner eigenen Göttlichkeit bewusst ist. Der Entwicklungsweg hierhin ist mühsam gewesen, über Ägypten, Babylon, die griechisch-römische Antike, Jesus von Nazareth, dem Orient, der humanistischen Renaissance, der Aufklärung und der Integration von östlichen Lehren wie der jüdischen Mystik (Kabbala), dem Hinduismus oder dem Buddhismus. Dazu passt für mich auch das Interesse in Europa an allen anderen Völkern, die es außerhalb Asiens und Europas auch noch gibt: Die Kulturen der indigenen und eingeborenen Völker Amerikas und Australiens, Afrikas und Ozeaniens.



Die Macht des Geldes

Doch ist da noch eine andere Entwicklung in Europa, welche das Leben auf der ganzen Welt bedeutsam beeinflusst hat. Ich möchte ihn den Kapitalismus nennen, auch wenn dieser Begriff etwas abgedroschen ist. Durch die große technologische Entwicklung gerade am Anfang des 20. Jahrhundert glaubten viele, die Welt allein durch materiellen Wohlstand besser machen zu können. Als Hilfsmittel wurde das Geld immer wichtiger und beherrscht heute unser ganzes Leben. Die Entscheidungen unserer Politiker basieren deshalb leider nicht auf menschliche Vernunft oder auf humanistische Ideale, sondern auf wirtschaftlichen und finanzpolitischen Erfordernissen.

Anstelle der Freiheit trat die Abhängigkeit vom Geldsystem, weshalb der Mensch seine individuelle Freiheit nur noch im Rahmen dieses ihn beherrschenden Wirtschaftssystems ausleben kann. Allgegenwärtig ist in diesem System die Werbung, welche uns reinreden will, dass wir ihre Produkte unbedingt kaufen müssen. Die Gesellschaft erwartet von ihren Bürgern auch, dass sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Dadurch ist die Arbeit degradiert zu einer Erwerbstätigkeit für die Beschaffung unseres eigenen Lebensunterhalts und dient nicht der individuellen Lebensentfaltung oder -entwicklung.

Aus diesem Grunde sehen unsere Politiker Europa auch eher als einen Wirtschaftsraum mit einer gemeinsamen Währung und nicht als einen Lebensraum, in denen sich Menschen frei entfalten und ein selbstbestimmtes Leben führen können. Dadurch stagniert aber die gesellschaftliche Entwicklung, was uns die Finanzkrisen der letzten Jahre, besonders jene mit Griechenland, verdeutlichen. Dazu machen uns die Flüchtlingsströme aus Afrika und dem Nahen Osten bewusst, dass sich das politische Europa immer mehr abgeschottet hat. Es ist zwar traurig und auch etwas sarkastisch, doch das einzige was sich derzeit politisch in der Welt bewegt, scheinen die Geld- und Flüchtlingsströme zu sein.

Aber auch hier sind die Ursachen unter anderem in der früheren kolonialen und imperialen Politik Europas ab dem 16. Jahrhundert zu finden. In dieser Zeit vergrößerte sich der Reichtum unseres Kontinents zu Lasten der Menschen in Afrika, Asien und Amerika. Die Ausbeutung setzte sich nach dem zweiten Weltkrieg durch die Herrschaft der immer größer werdenden Konzerne auf wirtschaftlicher Ebene fort. Für die Flüchtlingsströme aus Afrika tragen wir in Europa aus meiner Sicht deshalb eine bedeutende Mitverantwortung.



Die europäische Vision

Europa steht heute vor gewaltigen Herausforderungen, weil wir gesellschaftlich noch nicht den Mut gefunden haben, eine Gegenentwicklung zu der Herrschaft des Gelds zu finden. Mit dieser sollte der Mensch und seine individuellen Bedürfnisse wieder in den Mittelpunkt des politischen Handels gestellt werden und unser Weltverständnis sich von einem materialistisch-rationalen Denken hin zu einer ganzheitlichen-spirituellen Sicht wandeln. Denn nur dadurch vermögen wir die Krisen unserer Zeit zu bestehen, entwickeln uns selber weiter und können den Völkern in den anderen Kontinenten der Erde auch ihre Freiheit geben, sich nach ihren eigenen Vorstellungen zu entwickeln.

Eine Gesellschaft entwickelt sich weiter durch die Entwicklung eines jeden einzelnen Menschen. Und so kann jeder von uns seinen individuellen Beitrag dazu leisten, dass sich Europa wandelt und seine Ideen von einem freien und selbstbestimmten Leben in einer offenen und menschlichen Gesellschaft verwirklicht. Dies ist aus meiner Sicht die Aufgabe der Menschen hier in Europa. Das kann aber innerhalb unseres derzeitigen Wirtschafts- und Geldsystem nicht geschehen, weil es die Menschen abhängig und fremdbestimmt hält.

Meine Vision ist eine Gesellschaft ohne Geld und ohne Grenzen. In ihr kann sich jeder Mensch, gleich seiner Herkunft, alle Dinge geschaffen, die er für sein Leben wirklich benötigt. Jeder Mensch ist frei, seiner individuellen Berufung nachzugehen, um durch sie der Gemeinschaft, in der er lebt, zu dienen. Die Wirtschaft stellt den Menschen und damit den Dienst an der Gesellschaft in den Mittelpunkt ihres Handelns. Der Mensch vermag zu jeder Zeit und von jedem Ort der Welt, zu jedem anderen Ort reisen. Zudem achtet und respektiert jeder Mensch die Glaubensvorstellungen und Lebensweisen eines jeden anderen Menschen.

Wir in Europa haben das Potential, dies zu verwirklichen und damit unseren Beitrag für eine wahre Einheit der Menschheit auf diesem wunderbaren Planeten zu schaffen. Dies ist für mich die gesellschaftliche Vision Europas, die es jetzt zu verwirklichen gilt. Voraussetzung dafür ist auch die Integration von Religion und Wissenschaft, von Gefühl und Verstand. Möge diese Vision in den nächsten Jahren Wirklichkeit werden und der Mensch durch sie zum wahren Menschsein finden.

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